Archiv für die Kategorie ‘Bougainville’
Verfasst von bukacarsten am Oktober 10, 2009
Auf Bougainville herrschte in den 1980er und 1990er Jahren ein blutiger Bürgerkrieg, der noch immer aufgearbeitet wird. Hier haben teils Brüder, teils Nachbarn, teils traditionell verfeindetete Gruppen gegeneinander gekämpft. So viele Menschen tragen hier Schuld mit sich herum, dass man sie unmöglich alle einsperren kann, weil dann ganze Familien männerlos und ohne Schutz dastünden. Das Zauberwort heißt „reconciliation“, Versöhnung. Nach langen Versöhnungsgesprächen und -treffen zwischen den Familien von Opfer und Täter, wird dabei schließlich gemeinsam gegessen und Kompensationszahlungen in Höhe des angerichteten Schadens an die Opferseite übergeben. Wobei meist beide Familien „Schuld“ tragen und zugeben und entsprechend „Geschenke“ (Schweine, traditionelle Zahlungsmittel wie Muschelgeld, aber auch modernes Geld oder gar ganze Autos) überreichen. Ein ähnliches Prinzip trägt auch bei Familienstreitigkeiten, Vergewaltigung, Mord und Todschlag etc. Die „Schadenshöhe“ und damit der Schadensersatz, die Geschenke, hängt dabei von der Tat selbst, dem Status von Opfer und Täter und vielem mehr ab. Klingt ziemlich kaltblütig und kalkulierend, oder? So kam es mir jedenfalls Anfangs vor. Heute sehe ich aber auch eine andere Seite: Die Geschenke sind nur ein kleiner Teil des Friedensprozesses, der allerdings hohen Symbolgehalt hat und daher von vielen Menschen hier als unbedingt notwendig angesehen wird. Viel wichtiger ist wohl das gemeinsame Besprechen und die gemeinsame Verarbeitung der schlimmen Vergangenheit. Und das gegenseitige Verzeihen und Aufbauen von Vetrauen in den Frieden und die Zukunft. Ich kenne Kriegsgegner, die heute – nach jahrelangem Versöhnungsprozess – in die Geschäfte der jeweils anderen investieren. DAS ist Vertrauen, oder?
Geschenke werden in der Regel mit Gegen-Geschenken oder anderen Gunstbezeugungen und Freundschaftsbeweisen erwidert. Nicht sofort, oft auch nicht in monetärer bewertbarer Art, aber irgendwann kommt immer etwas zurück. Es kann allerdings auch schon mal vorkommen, dass teure Freundschaftsbeweise, die sich unmöglich auf ähnlichem Niveau erwidern lassen, den Gegenüber überfordern. Das wiederum erzeugt Frust und schadet der Freundschaft.
Zwei Abende habe ich nun an diesen drei Artikeln gesessen und geschrieben. Jetzt, da ich sie mir noch einmal zur Korrektur durchlese, gewinne ich fast den Eindruck als sei die melanesische (papua-neuguineische, bougainvillische) Kultur eine berechnende materialistische, in der alles – auch Sex und Menschenleben – einen Preis hat.
Ich bevorzuge eine andere Interpretation: Das ganze findet meist unbewusst statt, nicht wie ein bewusster Tausch oder Handel. Man gibt und weiß unbewusst wie viel man im Gegenzug erwarten kann. Bleibt die Gegenleistung auf Dauer aus, ist man enttäuscht, vielleicht auch ohne sich des Grundes bewusst zu sein. (Kennen wir nicht alle die Geschichte des Ehepaares, das nach vielen Jahren nutzloser Weihnachtsgeschenke beschließt sich dieses Jahr nichts zu schenken? Trotzdem kauft die Frau ihrem Mann ein Geschenk. Als der Mann ihr im Gegenzug nichts präsentiert ist die Frau trotz der vorangegangenen Vereinbarung nichts zu schenken, enttäuscht.)
Geschenke sind Aufmerksamkeiten die sagen: „Ich denk an dich.“ Sie symbolisieren Dankbarkeit, Loyalität, Freundschaft oder eine gute Arbeitsbeziehung – aber sie ersetzen sie nicht. Sie sind nicht an eine fixe Gegenleistung im Sinne eines Tauschhandels gekoppelt.
Veröffentlicht in Bougainville, Carsten, Papua New Guinea | Verschlagwortet mit : Bougainville, Geschenke | 1 Kommentar »
Verfasst von bukacarsten am September 30, 2009

Beautiful Arawa
Sonnenuntergang in Arawa. Die schönste Zeit in Arawa ist die kurz vor sechs Uhr abends. Dann geht die Sonne unter. Die Nachbarn gehen zum Plausch auf die Straße. Generatoren verstummen für kurze Zeit.
Veröffentlicht in Bougainville, Carsten | Verschlagwortet mit : Arawa, Bougainville, Papua-Neuguinea, sonnenuntergang | Kommentar schreiben »
Verfasst von bukacarsten am September 1, 2009

Loloho
Die ehemalige Verladestation der Panguna-Mine, heute still gelegt, wird nach und nach mit Schneidbrennern demontiert.
Veröffentlicht in Bougainville, Mining on Bougainville Island | Verschlagwortet mit : Bougainville, Loloho, mine, Panguna, Papua-Neuguinea, Tagebau | Kommentar schreiben »
Verfasst von bukacarsten am August 28, 2009
Mein Lieblingssender (naja, wir haben bloss zwei Sender), Radio New Dawn FM 95.3, ist für seine besondere Leistung sozialen Wandel zu fördern, ausgezeichnet worden. (Link)
Hier auch gleich ein aktueller Beitrag von New Dawn, über eine kleine Gruppe die in Torokina (an der südlichen Westküste Bougainvilles) versucht, die Gegend von tötlichem amerikanischen und japanischen 2. Weltkriegs-Müll zu befreien. (Link)
Veröffentlicht in Bougainville, Entwicklungszusammenarbeit | Verschlagwortet mit : Bougainville, Radio | Kommentar schreiben »
Verfasst von bukacarsten am August 21, 2009
Nein, das ist nicht mein Auto. Dieses hier gehört zu einer aussterbenden Art. Noch 2007 sah man eine ganze Reihe dieser stolzen Gefährte auf den Straßen Arawas, heute dagegen kaum noch. Heute fährt man zwar noch immer Landcruiser, aber die neueren Varianten (mit Federung, Bremsen, Scheiben und allem Pipapo). Bougainville soll landesweit den höchsten Absatz an Toyota Landcruisern haben.
Veröffentlicht in Bougainville | Verschlagwortet mit : Arawa, Auto, Bougainville, Papua-Neuguinea | 1 Kommentar »
Verfasst von bukacarsten am August 21, 2009
Eine in den Vereinigten Staaten angestrebte Klage (wegen Menschenrechtsverletzungen etc) gegen den ehemaligen Betreiber der Panguna-Mine, Rio Tinto, scheint wahrscheinlicher geworden zu sein.
… Australia-based National Business Daily reported on Aug. 8 that a U.S. class action against Rio Tinto seeking damages for human rights abuses stemming from operations at the Panguna copper mine, Bougainville of the Papua New Guinea, had cleared a crucial hurdle — and could reach trial within two years. …
Den Original-Text kann man hier oder hier lesen.
Weitere Artikel zu Bougainville Copper/Rio Tinto aus den letzten Jahren gibt es unter www.minesandcommunities.org.
Veröffentlicht in Bougainville, Mining on Bougainville Island | Verschlagwortet mit : BCL, Bougainville, Bougainville Copper, Menschenrechte, Panguna, Papua-Neuguinea, Rio Tinto, Umwelt, Umweltschutz | Kommentar schreiben »
Verfasst von bukacarsten am Februar 8, 2009
In Arawa gibt es einen alten geistig ver-/entrückten Mann, Ampe (so nennen ihn die anderen, er nennt sich selbst King Peter), der eine innige Beziehung zur katholischen Kirche hat. Diese Tage hab ich ihn das erste Mal seit langem wieder gesehen. Er kam ins Büro und erzählte leidlich gutem Englisch-Pidgin-Gemisch von einem weißen Mann, der ihm ein „invoice“, eine Rechnung gegeben habe. Irgendwie machte er uns für irgendwas verantwortlich.
Letztes Jahr haben wir ihn häufiger gesehen. Teils hat er im leer stehenden Bischofshaus übernachtet und unter dem Haus sämtliches hölzernes herum liegendes Inventar für sein Herdfeuer verbrannt. Nächtens muss er regelmäßig längere lautstarke Gebetssessions eingelegt haben, so dass sogar die sehr katholischen Nachbarn um ihren Schlaf gebracht wurden. Der Bischof habe ihn als Wache für das Haus eingesetzt. Teils hat er auch im benachbarten Priesterhaus übernachtet (mit oder ohne anwesenden Priester – das schien ihn nicht weiter zu stören). Einmal musste ich ihm detailliert Rechenschaft über meinen abendlichen Besuch in der Nachbarschaft abgeben. Immerhin hat er sich eine Stunde lang nicht von meinem Auto weg bewegt. Offenbar fiel das in seinen bischöflichen Wächterauftrag. Ein anderes Mal bat er mich um einen Kina (ca. 30 Eurocent). Er müsse Nägel für das Bischofshaus kaufen. (???) Bei durch unsere Straße ziehenden Prozessionen hängt er gelegentlich ein mit unverständlichen religiösen Symbolen beschriftete Leinwand von unserem Büro-Balkon. Wenn man Glück hat, kann man ihm dann auch beim Predigen in einem interessanten Englisch-Pidgin-Tok Ples-Gemisch zuhören.
Nein, diese Geschichte hat keine Pointe, ausser vielleicht, dass nicht überall auf der Welt „geistig schwache“ weggesperrt werden. Eine interessante Entdeckung, nicht wahr?
Veröffentlicht in Bougainville, Carsten | Kommentar schreiben »
Verfasst von bukacarsten am Januar 16, 2009
„Bougainvilleans, I will not force mining onto you.“ – Sinngemäss: Bougainvilleer, ich werde ich euch nicht zur Wiedereröffnung der Panguna Mine zwingen. So äusserte sich James Tanis der neue Präsident der Autonomen Region Bougainville in seiner Antrittsrede. Von Herrn Tanis, der noch lange mit dem BRA-Führer Francis Ona ausgehalten hatte, hat wohl auch kaum jemand ausgebreitete Arme für den Bergbaukonzern Rio Tinto und Panguna Copper Ltd erwartet.
An anderer Stelle kann man folgendes lesen:
“He’ll be listening to all views but that there will be no mining in Bougainville unless that is what the people want. That means not only is the Bougainville Resources Development Corporation but also the future of the Bougainville Copper Limited, the Rio Tinto-owned resource development that led to the original conflict back in 1988.”
„Rio Tinto case revived, as new government takes charge“, heisst es dagegen wieder an anderer Stelle. Dabei handelt es such um das Gerichtsverfahren gegen Rio Tinto, nicht die Wiedereröffnung der Mine.
„US court has agreed to re-open a case, lodged several years ago against Rio Tinto, accusing the company of complicity in human rights abuses by the operation of its Panguna copper-gold mine until 1989, and in the horrendous civil war that followed.
Representatives of US the law firm, Hagens Berman, representing Panguna landowners, were expected to arrive in Bougainville last weekend to meet with the new provincial government’s president, James Tanis.
Tanis is himself a former commander of the Bougainville Revolutionary Army, initially formed to fight against the mine in 1988.
Last week, at his inauguration ceremony, Tanis apparently lent support to those Panguna landowners seeking to keep the mine closed.“ (Meldung vom 13. Januar 2009 unter minesandcommunities.com)
Hintergrundinfo zur Präsidentschafts-Wahl:
James Tanis elected President of Autonomous Bougainville Government
Posted at 22:53 on 28 December, 2008 UTC
James Tanis has been elected President of the autonomous Papua New Guinea province of Bougainville.
The former separatist beat 13 other contenders for the post made vacant by the death of Joseph Kabui in June this year.
The Post Courier newspaper reports he was nearly two thousand votes ahead of the second highest polling candidate, former National Government Cabinet Minister, Sam Akoitai.
Mr Tanis finished third in the first election for President for 2005, behind Mr Kabui and former Governor John Momis.
Mr Akoitai says he is happy with the choice of Mr Tanis who he says was instrumental in the peace process.
He has urged the ABG under Mr Tanis’s leadership to prioritise weapons disposal and the referendum which are key issues in the Bougainville peace agreement.
Meanwhile Mr Akoitai says many Bougainvilleans were denied their democratic rights in the poll because their names were not on the common roll.
Veröffentlicht in Bougainville, Mining on Bougainville Island | Verschlagwortet mit : Bürgerkrieg, BCL, Bergbau, Bougainville, Kabui, Panguna, Papua-Neuguinea, Rio Tinto, Tanis, Umwelt | Kommentar schreiben »
Verfasst von bukacarsten am Dezember 19, 2008
Donnerstag früh, auf dem Weg von Arawa nach Buka, sind wir in einen kleinen Roadblock hinein geraten. Ein paar sehr freundliche Locals hatten hinter dem alten Wakunai-Flughafen aus zwei Benzinfässern und einer Latte einen Schlagbaum geschaffen. Angeblich hatte die Polizei von Arawa im Laufe der Nacht ohne zu bezahlen Bier aus ihrem Tradestore mitgenommen. Jetzt warte man auf ihre Rückkehr um die Bezahlung einzufordern (oder so ähnlich …). Wers glaubt wird seelig. Wir konnten ohne Probleme passieren.
Veröffentlicht in Bougainville, Carsten | Verschlagwortet mit : Bougainville, Papua New Guinea, Papua-Neuguinea, Wakunai | Kommentar schreiben »
Verfasst von bukacarsten am November 26, 2008
Jetzt gehts lohos … . Nach dem Tod von late president Joseph Kabui vor einigen Monaten soll jetzt doch bald gewählt werden. Präsident einer der kleineren Provinzen eines mittelgroßen Entwicklungslandes zu werden ist nu kein Karrierejob (ein weiterer Ex-Präsident wohnt uns gegenüber – ein Auto kann sich der nette ältere Herr heute nicht mehr nicht leisten), aber wichtig ist der Posten doch. Immerhin liegt im Zentrum dieser schönen Region die still-gelegte Panguna Kupfer- und Gold-Mine.
Neben BRA-General Sam Kauona geht auch ein „Bruder“ Kabuis, ein ehemals bekannter Sanguma-Sänger, und eine Reihe mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten ins Rennen um den Präsidentenposten. Der Wahlkampf läuft eher ruhig ab, jedenfalls hab ich bisher nicht viel mitbekommen. Einige Kandidaten fahren mit Mietwagen die wichtigsten Wahldistrikte ab, verteilen ihre gedruckten Lebensläufe an mögliche Multiplikatoren um ihre Kompetenz heraus zu streichen.
Dieses Mal scheint besonders zu sein – sogar von der Seite der „Rebellen“, den Meekamui, hat sich ein Kandidat aufstellen.
Veröffentlicht in Bougainville | Verschlagwortet mit : Bougainville, Entwicklungsland, Kabui, Wahlen | Kommentar schreiben »