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„Von der Schwierigkeit AIDS zu unterrichten“

August 24, 2008

Ein kleiner Teil meiner Arbeit hier auf Bougainville ist der Kampf gegen den HIV-Virus. Im Entwicklungshelfer-Jargon: HIV/AIDS ist mein „Querschnittsthema“, das sanft und unbemerkt in meine Hauptaufgabe, Managementkurse für SchulleiterInnen und SchulschatzmeisterInnen zu organisieren, einfließen soll. Der Pazifik wird – ein Jahrzehnt nach Afrika – von der Seuche erfasst. In Papua-Neuguinea wird von einer sich alle zwei Jahre verdoppelnden HIV-Infektionsrate von 2 bis 3 Prozent ausgegangen.

Das Problem dabei: HIV und AIDS fallen in den Bereich der althergebrachten sexuellen Tabus. „Man“ kann gar nicht über sie reden, ohne „verbotene Wörter“ in den Mund zu nehmen und die Abwehrhaltung zumindest einiger Teilnehmer zu provozieren.

Erster Versuch: Laden wir uns einen Referenten ein, …
… der den Kursteilnehmern sachkundig über AIDS berichtet. Als erstes müssen die Referenten die Genehmigung des Publikums einholen, Worte zu benutzen, die diesem nicht gefallen werden (z.B. „Geschlechtsverkehr“, „Penis“). Was diese natürlich schlecht ablehnen können, ihnen aber trotzdem irgendwie nicht gefällt. Wir erfuhren wie man sich infiziert, wie viele bekannt HIV-positive Menschen in Bougainville leben, und wo man sich testen lassen kann. Die anschließende Diskussionen offenbarten dann Fragen und Themen die die Teilnehmer brennend interessierten: Gibt es auch bei uns zu Hause auf dem Dorf AIDS-Kranke? Wie kann ich sie erkennen? (???) Wann verbieten wir endlich Kondome? Die würden Jugendliche nur zu verfrühter sexueller Aktivität verführen und Ehemänner zur Untreue. Und das ewige Gerücht, es gebe HIV-Positive, die bewusst andere Menschen mit dem Virus infizierten. Fazit: Okay, aber die basic facts haben die meisten Lehrer eh schon mehr oder weniger drauf. Und die Diskussion gleitet dann doch zu schnell in „provokative“ Seitenthemen wie Kondome und ein gelegentliches „wir sind unseren sexuellen Zwängen hilflos ausgeliefert – eigentlich ist eh alles sinnlos“ ab.

Zweiter Versuch: ABC-Plakat aufgehängt
„Enthalte sich von Sex (A wie „Abstain“), sei deinem Partner immer treu (B wie „Be faithful“), oder benutze immer Kondome (C wie „use Condoms“). Hoho. Da ging es aber her. Schon wieder dieses Wort … „Kondom“

Dritter Versuch: HIV-Test!
„Drüber Reden“ ist scheinbar nicht angesagt. Aber eigentlich geht es ja eh darum eine „Bewusstseins- und Verhaltensänderung“ herbei zu führen. Im Klartext: Die message „beim Sex aufpassen“ (Treue in der Beziehung, Kondome) erreicht den Kopf sehr schnell – aber ändern Menschen deswegen gleich ihr Verhalten? Bauen sie ihre Angst vor der Auseinandersetzung mit der als tödlich wahrgenommenen Seuche AIDS ab, nur weil sie mehr über sie wissen? Vor allem: Bauen sie ihre Kontaktschwierigkeiten mit Diskriminierung von vermeintlich todgeweihten HIV-positiven Menschen ab? Viel wäre schon gewonnen, dachte ich mir, wenn meine KursteilnehmerInnen ihre Hemmschwelle abbauen und sich auf HIV testen lassen. Nicht in aller Heimlichkeit, wie sonst üblich, sondern freiwillig im Rahmen des Kurses. Also bat ich das HIV-Team des Bistums VCT (Voluntary Counselling and Testing) anzubieten. Endlich mal ein Erfolg. Gleich beim ersten Versuch nahmen ein Drittel der Teilnehmer das Angebot wahr. Die einen eher still und unbemerkt, die anderen mit Statements wie „Ich bin zum Test gegangen. Traust du dich auch?“ und „In meiner Jugend war ich ein echter Kerl. Ich lass mich besser testen.“

Der HIV-Test als Mittel Stärke zu zeigen. Ein kleiner positiver Wandel?

Vierter Versuch: HIV-Patienten einladen
Als ich meine Arbeit Anfang 2007 aufnahm hatte noch keiner der HIV-Patienten Bougainvilles den Schritt zum öffentlichen Coming Out gewagt. Mit der Betreuung der Kollegen vom HIV-Team des Bistums sind jetzt zwei diesen Weg gegangen: Ex-Kämpfer T und Ex-Lehrerin B. Es wäre doch klasse, die beiden zu unseren Kursen einzuladen, dachte ich mir. Der erste Versuch scheiterte, weil der Gesundheitszustand des eingeladenen T sich rasant verschlechterte. Tuberkulose. Später klappte es dann doch noch. Die Diskussionsrunden waren (zur Abwechslung mal) ausgesprochen positiv und ergiebig. Auf ein Mal musste nicht über Sex und Kondome diskutiert werden, sondern ein echter authentischer Mensch beantwortete Fragen wie „Wie behandelt dich dein Umfeld nachdem sie deinem HIV-Status erfahren haben?“, „Wie ist das für deine Kinder?“, „Kannst du noch ein normales Leben leben?“. „Stimmt es, dass es Kräutermedizin gibt, die AIDS heilt?“. Und dann doch die Frage nach Sex: „Was tust du, wenn jemand (“ein/e Gesunde/r“) dich anbaggert?“

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