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Bougainville Pidgin

Mai 30, 2010

Tok Pisin (lit. „talk pidgin“), auch Neo-Melanesisch oder Pidgin-Englisch genannt, hat seine Wurzeln auf den süd-pazifischen Plantagen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In verschiedenen Varietäten wird es in den melanesischen Ländern Papua-Neuguinea, den Salomonen Inseln, Vanuatu, Fidschi und den australischen Torres-Strassen-Inseln gesprochen.

Vor hundert Jahren warben v.a. deutsche, aber auch australische Plantagen, Kontraktarbeiter an. Die diesem Ruf gefolgt waren (ob freiwillig oder nicht) lebten und arbeiteten mit Männern aus unterschiedlichsten Sprachgesellschaften zusammen. Der kleinste gemeinsame Nenner der Kommunikation war eine gebrochene Variante der Sprache der Kolonialherren – das Pidgin-Englisch. Nach einigen Jahren kehrten sie in ihre Dörfer zurück – und brachten die Sprache der Plantage mit sich. Noch heute hört man auf Bougainville und anderswo „die Deutschen“ hätten das Tok Pisin erfunden.

Zurück im Dorf, wo der Kontakt mit der Aussenwelt noch immer selten war, hatten Pidgin-Kenntnisse zunächst nur einen Vorteil: Sie ermöglichten die Kommunikation mit den europäischen Neuankömmlingen. Als um 1900 (davor gab es keinen permanenten deutschen Aussenposten auf Bougainville) herum eine erste deutsche Erkundungstruppe die Küste Bougainvilles bereiste, wurde ihr Kontakt mit der Bevölkerung durch ehemalige Plantagenarbeiter erleichtert.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde aus dem Pidgin-Englisch der Plantagenarbeiter (mit eingeschränktem Vokabular für die Dinge des Plantagenlebens – so steht noch heute „belo“ (Glocke) sowohl für die Glocke, die auf der Plantage zur Mittagspause rief, als auch für die Zeit „Mittag“) – das Tok Pisin zur Kommunikation zwischen benachbarten Sprachgesellschaften.

Seit der Unabhängigkeit 1975, mit dem Wachsen der Städte und der Zahl der gemischtsprachlichen Ehen, wuchs ebenfalls die Zahl derer, die Tok Pisin als Muttersprache oder Hauptverkehrssprache sprechen.

Sprachlich steht das Bougainville Pidgin irgenwo zwischen dem anderer Regionen Papua-Neuguineas und dem „englischeren“ Pidgin der benachbarten Solomon Islands.

Trotz steigender Sprecherzahlen ist Tok Pisin noch nicht in jeden Winkel der Doppelinsel vorgedrungen. Vor allem auf dem Land in Zentral- und Süd-Bougainville lernen Kinder die Sprache erst im Laufe der Schulzeit. Dazu gibt es Gegenden, die auf Landkarten ohne gänzliche Infrastruktur eingezeichnet sind: die Berge des Hinterlandes zwischen Wakunai, Manetai, Panguna und der Westküste. Dort spricht oft niemand die eigentlich leicht zu erlernende Sprache.

Für die Verbreitungs TPs sind v.a. zwei Faktoren verantwortlich: Notwendigkeit und Prestige. Notwendigkeit weil Kontakte zu anderen Gruppen immer häufiger werden (in der Stadt, durch Zugeheiratete, Zugereiste, Lehrer, Staatsdiener, Priester und Prediger aus anderen Sprachgruppen). Prestige, weil TP als „nationale Sprache“ gilt, die Sprache der Einheit, der Kirchen, des Friedens, der Offenheit.

Manche Lehrer führen Pidgin als Unterrichtssprache in den unteren Klassen der Elementary School ein, auch wenn Lehrer und alle Kinder die jeweils lokale Sprache sprechen. Die Begründung: Pidgin sei fortschrittlicher, erleichtere den Schritt des Erlernens der englischen Schulsprache ab der dritten Klasse.

Das Ergebnis: Ein Großteil der Menschen kann in Pidgin lesen und schreiben, nicht aber in der Mutter- oder Vatersprache, und nur schlecht in Englisch. Die austronesischen und papua-Sprachen Bougainvilles werden so immer mehr in ihrem Funktionsumfang eingeschränkt. Gezählt wird fast überall mit dem englischen Dezimalsystem, nicht mit den oft nach Zählobjekten differenzierenden lokalen Sprachen. Wo die Muttersprache eine Vielzahl an Unterscheidungen trifft, kennen TP und Englisch oft nur eine Bezeichnung. „Was für ein Fisch ist das?“ – „Ein Riff-Fisch. / Ein Fluss-Fisch. / Ein Hochseefisch.“ – „Das sehe ich auch. Wie heißt er denn in eurer Sprache?“ – „Keine Ahnung. Oma könnte dir das sagen.“

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