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Lebe deine Sprache in Papua-Neuguinea

Juni 14, 2010

Es gib Dinge in Papua-Neguguinea, die werde ich nie verstehen. Akzeptieren vielleicht, aber nicht verstehen.

Wie schon so viele Male zu vor sass ich kürzlich wieder mit Eltern zusammen. Wie sprachen über die Schule ihrer Kinder und was ihnen bei der Bildung ihrer Kids am wichtigsten sei: Übereinstimmend waren sie der Meinung „sie sollen Englisch lernen“.

Der Gouverneur von Madang trat kürzlich an die Öffentlichkeit und verkündete, dass sämtliche muttersprachlichen Elementary Schools (Vorschule, Klasse 1 und 2) in Zukunft auf Englisch unterrichten sollen (wohlgemerkt – in einer ihnen unbekannten Sprache).

Ein guter Freund, Personifizierung des bougainvill’schen Bildungsbürgers (zwei Uniabschlüsse, er und sämtliche Gesschwister in verantwortlichen Jobs und zumindest mit College-Ausbildung), reiste vor ein paar Jahren nach Australien zu einer Konferenz. Da der Aufenthalt sich über mehrere Wochen erstreckte und man sehr um sein Wohlergehen besorgt war, wurde er in einer griechisch-australischen Familie untergebracht. Der Gastvater war College-Professor. Für meinen Freund war der Aufenthalt eine Offenbarung: Sie sprachen untereinander … Griechisch. Eine gebildete Familie, Teil der „Bildungselite“ Australiens, sprach daheim nicht das omnipräsente Englisch, sondern bewahrte bewusst ihre eigene Sprache. Sie hatten sich ihre Identität bewahrt und trotzdem den Aufstieg in der australischen Gesellschaft geschafft.

Meinen Freund hatte diese Erfahrung sehr bewegt. Erfolg in der modernen Gesellschaft und Verwurzelung in der eigenen – vielleicht doch kein Widerspruch? Was mir fast schon natürlich vorkommt, war für ihn neu.

Ich bin vom Kindergarten bis zur Uni in meiner Muttersprache sozialisiert. Für mich ist Deutsch die Sprache „der“ / „meiner“ Bildung. Es gibt Bücher in meiner Sprache, die ich schon als Kind verschlungen habe. In Schule, Krankenhaus, Kirche und Politik sprechen alle „meine“ Sprache. Der deutsche Nationalmythos ist verbunden mit Goethe, Schiller und den Brüdern Grimm, mit der deutschen Sprache.

Er wuchs auf als Kind eines angesehenen Mannes, wir würden ihn „Häuptling“ nennen. Für seinen Vater war der Erfolg in der modernen Gesellschaft untrennbar mit der englischen Sprache der Kolonisatoren verbunden war und er ermöglichte allen Kindern entsprechend eine Bildungslaufbahn in englischer Sprache. Was hatte die eigene Sprache schon zu bieten? Die Sagen und Geschichten, die die Macht- und Besitzverhältnisse im Dorf klären, sind mit der eigenen Sprache verbunden. Ebenso die alte Religion und Wertvorstellungen. Aber darüber hinaus? Welchen Platz hat die Sprache in der modernen Gesellschaft, in der Stadt, fern vom Dorf? Das sind Fragen, die sich nicht ohne weiteres sofort erschließen.

Die Kinder meines Freundes sprechen zu Hause die Sprache ihrer Eltern, schreiben können sie sie nicht. Auf der Straße sprechen sie Tok Pisin und Englisch. Sie können sich zwischen den verschiedenen Welten bewegen. Vor etwa zehn Jahren begann die Schulreform zu greifen, man begann Kids in den unteren Klassen in den Lokalsprachen zu unterrichtet. Manche Eltern und Lehrer beschweren sich über deren mangelhafte Englischkenntnisse. Allerdings haben sie sich eine andere Fähigkeit erworben: Sie können zählen, in ihrer eigenen Sprache und haben den Eltern damit etwas voraus. Sie kennen die Namen der Sterne, ihre Geschichten, Namen und Nutzen von Pflanzen die viele ihrer Eltern heute vergessen haben. Ist das nichts?

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