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„Nie mehr Buschmedizin“?

September 11, 2010

“Nie mehr Buschmedizin!”, musste sich einer unserer Entwicklungshelfer vom einzigen privaten Arzt in Arawa sagen lassen. War dieser überhaupt Arzt? Gerüchten zu folge soll er sich seine Qualifikation während eines einjährigen Studiums in Russland erworben haben. Eigentlich ist die Frage nebensächlich – mit einer Arthemeter-Spritze in den Allerwertesten rettete er unserem Kollegen vielleicht das Leben.

Vorangegangen war eine kleine Odysee durch die medizinische Wunderwelt der Südseemetropole Arawa. Noch (nur) mit einem kleinen Fieber hatte sich K. zu Fuss bis zur städtischen Gesundheitsstation (den Status eines Krankenhauses hat der Komplex nach dem Bürgerkrieg noch nicht wieder errungen) bewegt. Ob man nicht einen Malariatest an ihm vollführen könne? Nein, das ginge nicht. Der Generator sei vor einigen Wochen entwendet worden. Bis auf weiteres sei daher die Stromversorgung ausgeschaltet, und man könne daher das notwendige Mikroskop nicht betreiben. Nun gut, dachte sich K., dann kaufe ich mir eben auf eigene Verantwortung die Malaria-Tabletten. Schließlich hatte er die Krankheit schon ein paar Mal durchgemacht und wusste, wie sich Malaria anfühlt.

Am nächsten Tage gesellten sich zum nur gelegentlichen leichten Fieber Durchfall, aber ansonsten ging es ihm weiterhin gut. Nur gegen Abend war er ziemlich k.o..

Hilfe nahte in Form eines Bekannten, der seine Frau mitbrachte. Diese hatte während des zehnjährigen Bürgerkrieges im Busch einige überlebenswichtige Kenntnisse in traditioneller Medizin erworben. „Durchfall!“ diagnostizierte sie ganz richtig. „Dagegen hast du was im Garten.“ Sie verließ kurz das Haus und pflückte ein paar unscheinbare fleischige Blätter. „Zerkau die, der Durchfall wird sofort aufhören.“ Was er auch tat. Nur – die Malaria war damit nicht behoben. Den folgenden Tag wabbelte und wobbelte die Flüssigkeit mangels Ausweg im Bauche des Kollegen herum. Sicher auch nicht angenehm.

Als der Zustand immer untragbarer wurde, sein Fieber und das Unwohlsein stieg und allgemeine sich einstellte, raffte er sich doch noch einmal auf und lief ein paar Straßen weiter. Dort sollte ein privater Arzt seine Praxis betreiben. Kein Schild wies ihm den Weg, nachdem er mehrere Nachbarn gefragt hatte, fand er trotz allem den Eingang.

Auch hier gab es kein Mikroskop, aber der anwesende Krankenpfleger diagnostizierte ohne Hilfsmittel: „schwere Malaria“. Von da an ging es ganz schnell. Hose runter, hinlegen, Spritze aufziehen, zustechen, fertig. Einen Rat gab es kostenlos dazu: Nie mehr Buschmedizin.

Die Odysee ist symptomatisch für ein Land das zwar eine reiche traditionelle medizinische Tradition verfügt, aber über kaum moderne medizinische Infrastruktur. Öffentliche Krankenhäuser und kleine Gesundheitsstationen sind unterversorgt, ausgebildete Ärzte wollen lieber in der Stadt arbeiten, statt auf dem Land, wo 80 Prozent der Bevölkerung lebt. Krankenpfleger arbeiten oft ohne Medikamente, in einfachsten Wohnverhältnissen, oder verlassen zu oft frustriert ihren Posten. Eine landeseigne Produktion von Medikamenten existiert nicht. Das Land ist abhängig von Importen.

Dabei bietet die enorme Biodiversität und multikulturelle Tradition des Landes Chancen, von denen andere Länder nur träumen können.

Auf Bougainville gibt es traditionelle Heiler, die auf Anfrage weit innerhalb der Provinz reisen. Bezahlt werden sie nicht oder kaum. Bemerkenswerte Massagekenntnisse sind so weit verbreitet, dass sie allgemein als nichts besonderes angesehen werden und kaum Anerkennung erfahren. Kräuterkunde, Knocheneinrenken und Geburtshilfe sind andere verbreitete Kenntnisse, die allerdings nicht immer die verdiente Anerkennung erfahren. Die Dienste dieser Heiler werden oft wenig entlohnt – weil sie sich nicht mit Geld aufwiegen lassen?

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