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Mensch, sprich!

Oktober 17, 2010

6 Uhr früh, die Sonne ist schon vor einer halben Stunde aufgegangen. Von der Kirche her klingeln die Glocken zur Morgenandacht. Ich setze mich auf die Verandah und lese den Post-Courier von gestern. Um sieben setzt sich Sohnemann, knapp 2 Jahre alt, zu mir und erklärt mir anhand seines Bilderbuchs ein neues Wort: Er zeigt auf die Flossentiere und wiederholt ernsthaft und mit Nachdruck mehrfach „pfis“. Das Bewusstsein einer sprachlichen Zugehörigkeit fehlt ihm noch, und so wird uns wohl noch eine Weile verborgen bleiben, ob er nun „Fisch“ (Deutsch), „pis“ (Tok Pisin), oder „fish“ (Englisch) meint.

Auf dem Weg zur Arbeit grüßt mich Vero mit „cibong“ (Halia, die Hauptsprache Bukas).
Vor dem Büro wartet schon ein Klient auf mich. Auf Tok Pisin erledigen wir unsere Angelegenheiten. Meine Kollegen trudeln so nach und nach ein. In einem bunten Mix aus Englisch und TP – je nach Situation – tauschen wir uns aus und stehen den Tag durch.

Um 11 Uhr bin ich mit einer deutschen Kollegin verabredet. Klar unterhalten wir uns auf Deutsch. Nach einer Weile kommt unser IT-Officer in den Raum und wir schwenken auf Englisch um.

Kurz darauf, zur Mittagspause, gesellen wir uns zu einem Kaffee auf der Bank vor dem Büro zu zu den Schwestern aus aus dem „Health Office“ – um diese Zeit weht dort eine angenehme Brise, die die Hitze vergessen lässt. Den Frauen-Klatsch auf Halia versteht allerdings keiner von uns dreien, auch der IT Officer aus dem Süden der Provinz nicht, und so machen wir unsere eigene Runde auf, auf TP.

Für den Rest des Nachmittages bleibt es bei der Sprache. Meine Korrespondenz erledige ich allerdings wieder auf Englisch.
Dreisprachigkeit ist unsere Norm. Die Mutter- oder Vatersprache ist für den Gebrauch in Familie, Wantoks und für „traditionelle“ Angelegenheiten reserviert. TP ist die Alltagssprache. Je förmlicher die Angelegenheit ist, desto stärker die Präsenz des Englischen.
Es ist so sehr die Norm, dass ich Einsprachigkeit gar nicht mehr erwarte. Im März, in einer entlegenen Bergschule hörten mir die sechs- bis acht-jährigen geduldig meiner Rede auf TP zu. Anschließend stand der Lehrer auf und fasste das Gesagte kurz in der Siwai-Lokalsprache zusammen. Seine Schüler sprächen Siwai und zum Teil das Telei von der anderen Seite des Berges, aber kaum Tok Pisin, erklärte er mir anschließend.

„Rückständig“, kommentierte er.

„Wow“, dachte ich mir. „So jung und schon perfekt zweisprachig.“

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