Bougainville

Erste bekannte Besiedlung vor 28.000 Jahren
In der Kivu-Höhle Bukas finden sich Zivilisationsreste die 28.000 Jahre zurück datieren, vor allem eine Sammlung verarbeiteter Reste wilder Taro-Arten und u.U. Sago. Erste Besiedlungsspuren andernorts in PNG fanden sich schon vor 40.000 Jahren auf der Huon-Halbinsel in Morobe, erste bewässerte Gärten in Kuk, Western Highlands, vor 9.000 Jahren (etwa zeitgleich wurde der Ackerbau in Mesopotamien erfunden). Viele früher besiedelte Küstengebiete und Inseln Melanesiens befinden sich heute nach Ansteigen des Meeresspiegels unter Salzwasser. Wer weiß, was sich dort noch alles an archäologischen Schätzen verbirgt?

Diese ersten Einwanderer waren Jäger, Sammler und Fischer. Vor mindestens 9.000 Jahren führten sie die Galip-Nuss ein. Von Neuguinea bis Bougainville und wahrscheinlich darüber hinaus, spielt die „galip nut“ noch heute eine hervorgehobene Rolle – als Snack, in Festtagsgerichten, in Geschichten und in jüngerer Vergangenheit auch als Wertmassstab.

Obsidian aus Neuirland wurde um 4.900 v.Chr. auf dem Nissan-Atoll eingeführt, auf halben Wege nach Buka. Auch einige kleinere Nahrungstiere scheinen um diese Zeit von Neuirland nach Bougainville eingeführt worden zu sein – insgesamt war der Kontakt aber wohl gering.

Die Lapita-Zeit

Bougainville und die Solomon Islands waren eine notwendige Zwischenstation für die menschliche Besiedlung der Weiten des Pazifiks durch die Menschen der Lapita-Kultur. Bemerkenswerterweise sind aus Bougainville und den Solomones keine Fundorte mit für die Zeit von 3.500 bis 2.000 v.Chr. verbreiteten Lapita-Töpferei bekannt. Allerdings sind um 3.600 v.Chr. auf Nissan Lapita-Töpfereien nachgewiesen, 400 Jahre später (!) auch auf Buka. Parallel zur Töpferei-Revolution fanden in der Lapita-Zeit Obsidian aus dem weit entfernten Manus, Schwein, Huhn und einige neue Rattenarten den Weg nach Bougainville. Die kunstvoll verzierten Tonwaren verlieren sich im Laufe der Zeit und von Manus bis nach Neu-Kaledonien entwickeln sich zeitgleich und parallel einfachere Formen, was für den Weiterbestand eines größeren regionalen kulturellen Netzes spricht. Innerhalb von Bougainville lassen sich einzelne Töpfer-Stile ausmachen, deren Produkte in benachbarte Distrikte exportiert wurden.

Mehrere Einwanderungswellen

Die Bougainvilleer sind offenbar in mehreren Siedlungswellen eingewandert. Ein Indiz dafür ist auch die Vielzahl der Sprachen. Werden im Süden und im Inland hauptsächlich Ost-Papua-Sprachen gesprochen, so sind an der Küste und in Buka die austronesischen Sprachen späterer Einwanderer zu finden. Als letztes kam eine Torau sprechende Gruppe im 19. Jahrhundert von den Shortland Inseln im Süden (Solomon Islands) ins Land. Sie siedeln heute entlang der Küste nördlich von Arawa. Kurz vor ihnen hatte eine andere Gruppe sich ebenfalls von den Solomones kommend im heutigen Dorf Arawa nieder gelassen. Ihre austronesische Sprache ist im 20. Jahrhundert ausgestorben.

Auch innerhalb der Region waren gab es noch in den letzten Jahrhunderten Wanderungen. So waren noch vor vier bis fünfhundert Jahren die heute untergehenden Carteret Inseln eine polynesische Exklave. Die Bewohner wurden jedoch von einer Gruppe aus Buka verdrängt, so dass dort heute wie auch Buka Island die Sprache Halia gesprochen wird.

Bei solchen Aktionen waren die auf Buka beheimateten hochseetüchtigen Mona-Kanus sicher hilfreich.

Dagegen wurden weite Teile Süd-Bougainvilles in vor-kolonialer Zeit von Königen aus den salomonischen Shortlands kontrolliert, ein Verhältnis, dass sich heute umgekehrt hat. Heute sind die Shortland Islands auf das nur eine knappe Motorbootstunde entfernte Zentrum in Buin angewiesen. Im Gegensatz dazu ist Gizo, der nächste wichtige Ort der Solomones, fast eine Tagesreise entfernt. In Buin können die Shortlander ihre Fische und andere Produkte absetzen und Besorgungen tätigen.

Das „Europäische Zeitalter“
1768 berichtete Louis Antoine de Bougainville über die später nach ihm benannte Insel.

Das folgende Jahrhundert sah nur gelegentliche Besuche europäischer Entdecker, Händler und Waljäger, durch die einige Neurungen in die bougainvillische Gesellschaft eingeführt wurden: Waffen, Metallwerkzeuge, Tuchwaren und Alkohol.Seit etwa 1870 wurden systematisch „Buka Boys“ als Aufseher und Arbeiter auf Plantagen in anderen Teilen Neuguineas angeworben, oftmals aber nicht immer gewalttätig.1886 einigten Großbritannien und Deutschland sich auf die Zugehörigkeit Bougainvilles zum deutschen Einflussgebiet. 1899 kamen Bougainville und Buka dann endgültig an Deutschland. In der Zeit wurden etwa 10 Prozent der nutzbaren Landfläche in Küstengebieten für die Gründung von Kokosplantagen enteignet oder den Einheimischen abgehandelt. Von Anfang an wurde dabei auch auf den Einsatz von Arbeitern aus anderen Regionen PNGs gesetzt. Die neue Sprache Tok Pisin formte und verbreitete sich in diesen Jahren.
1914 endete die deutsche Kolonialzeit mit der Besetzung Bougainvilles durch australische Verbände. Deutsche Plantagen-Eigner wurden enteignet und „ihr“ Land nach dem Krieg als Belohnung an australische Soldaten vergeben. Durch den stark von deutschem Personal geprägten Maristen-Orden blieb Deutschland bis in die 1980er Jahre präsent. Heute beschränkt sich die deutschsprachige Community auf ein knappes Dutzend Geschäftsleute, lokal verheiratete und Entwicklungshelfer.

Die Japanische Besatzungszeit
Während des 2. Weltkriegs (März 1942 bis Februar 1943) war Bougainville zeitweise von der japanischen Armee besetzt.
Das Flugzeug des japanischen Generals Yamamoto, dem Architekten des japanischen Angriffs auf Pearl Harbour, wurde im April 1943 über Süd-Bougainville von US-amerikanischen Kampffliegern abgeschossen. Dort liegt es in stetig schlechter werdendem Zustand noch heute im Dschungel. In Torokina und andernorts kann man noch heute zahlreiche Kriegsreste bewundern: Panzer, Kampfflieger, Partyabfälle amerikanischer GIs die noch heute einige Strände zieren, Ruinen von Gefangenenlagern und die allgegenwärtigen blechernen militärischen Hundemarken an den Hälsen junger Männer.

Nachkriegszeit
1947 wurde Bougainville von den Vereinten Nationen Australien als „trusteeship“ zugesprochen.

Nachdem 1960 geologische Untersuchungen Kupfervorkommen in Panguna und Kupei ergeben hatten, wurde in den folgenden zehn Jahren die Ausbeutung der Vorkommen weiter vorbereitet. Am 1. April 1972, drei Jahre vor der Unabhängigkeit PNGs, nahm die Mine die kommerzielle Produktion auf.

1962 forderte die Hahalis Welfare Society auf Buka ihre Mitglieder auf, die Zahlungen der jährlichen Kopfsteuer an die Kolonial-Regierung einzustellen. Die Bewegung, die auf Buka-Island dem dort vorherrschenden katholischen Maristen-Orden viele Anhänger abspenstig gemacht hatte, zählte in dem Jahr fast die Hälfte der Bevölkerung Bukas zu ihren Anhängern und Nutznießern. Die „Society“ hatte ihren Anfang in den 1950er Jahren als genossenschaftliche Bewegung und unterhielt 1962 acht genossenschaftliche Läden, organisierte kommunale Produktion und Anbau, unterhielt ein eigenes Straßennetzwerk uvm. Im Laufe der Zeit kam zum genossenschaftlichen Gedankengut weiteres religiöses, auf älteren Cargo-Ideologien basierendes, hinzu. Wegen sexueller Unmoralität, z.B. der Existenz von sogenannten „baby gardens“ für unverheiratete junge Frauen, wurde die Gesellschaft von den katholischen und methodistischen Kirchen Bukas angegriffen. In Folge des Aufrufs Steuerzahlungen zu verweigern wurde die „Society“ 1962 von der australischen Kolonialverwaltung zerschlagen, ihre Führer inhaftiert.

Ein Hahalis-Bürger hat mir seine Variante der Hahalis Welfare Society erzählt, die allerdings schon etwas geschichtsverklärt sein mag. Die Baby-Gärten seien so etwas wie ein Bordell gewesen, dessen alleiniger Zweck die Bevölkerungsvermehrung gewesen sei. Jeder Mann hätte dort nach Belieben herumschlafen können. Am Wochenende seien sogar aus ganz Bougainville junge (australische) Pflanzer nach Hahalis gekommen. Allerdings seien aus solchen Verbindungen entstandene zu hellhäutige Kinder systematisch umgebracht worden. Das Welfare-Society-Gedankengut sei immer noch existent, auch wenn die Menschen mittlerweile wieder in die „richtigen“ meist katholischen Kirchen gingen. Ein Überbleibsel aus der Zeit sei das Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen „Völkern“, das schon Kindern in der Gegend von klein an eingeimpft werde.

Nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas
1975, mit der Unabhängigkeit Papua-Neuguinea, als dessen Teil die Provinz fortan angesehen wurde, bekam Bougainville eine begrenzte Autonomie.

1987, nur 12 Jahre nach der Unabhängigkeit, brach der Konflikt um die gigantische Panguna-Mine aus. 1989, 17 Jahre nach Aufnahme der kommerziellen Produktion, wurde der Minenbetrieb nach Sabotageakten eingestellt. Auslöser für die Proteste gegen die Mine waren Entschädigungsforderungen der Landeigner im Panguna-Gebiet für soziale und ökologische Schäden (ein 500 Meter tiefer Krater, 150.000 Tonnen zu entsorgendes Abfallgestein, Zerstörung von Regenwald und Artenvielfalt auf die die Bewohner der Gegend angewiesen sind, Belastung der Flüsse Jaba und Kawerong und ihrer ehemals fruchtbaren Ufer mit schwermetallhaltigen Sedimenten). Hinzu kamen die sozialen Verwerfungen die durch die gestiegene Kriminalität und Zuwanderung meist lediger Männer aus anderen Provinzen („redskins“) entstanden.

Erst später kam die Forderung nach Unabhängigkeit von PNG hinzu.

Der Bürgerkrieg („The Crisis“) der folgenden Dekade wurde von Seiten der Armee und zahlreichen sich teils untereinander bekämpfenden Gruppen mit Brutalität geführt und kostetete schätzungsweise 10.000 Menschen das Leben.
1997, mit der Burnham Declaration, begann der Friedensprozess, der auch 2008 (bei der Veröffentlichung dieses Artikels) noch nicht abgeschlossen war.

2001 konnte endlich eine Vereinbarung über den künftigen Weg Bougainvilles getroffen werden.
2005 fanden die ersten Wahlen zum Parlament Autonomen Region Bougainville statt. Der Zentralstaat trat damit und in den folgenden Jahren eine Reihe von Vorrechten an die ARB ab.
2008 verstarb Präsident Joseph Kabui, der letzte Präsident Bougainvilles vor der Krise und der erste nach der Krise. Wie sich die autonome Region weiter entwickelt bleibt abzuwarten. James Tanis wurde an seine Stelle gewählt und bereits 2010 wieder vom Altmeister der papua-neuguineischen Politik, John Momis, ersetzt.

Quellen:
Black Islanders – A personal perspective of Bougainville 1937-1991, Douglas Oliver, Victoria/Australien, 1991
Bougainville – The mine and the people; Paul Quodling; St. Leonards/Australien, 1991
Bougainville – Kupferbergbau, Umweltzerstörung, Krieg; by Dr. Volker Böge; in Schatzinseln in der Südsee – Bergbau im Südpazifik (epd Entwicklungspolitik Materialien); Frankfurt/Main 1999 (Dr. Böge hat auch eine Reihe aktuellerer Schriften zur Bougainville Crisis verfasst)
Cultures and Languages of Papua New Guinea, Michael A. Rynkiewich, Goroka/PNG, 2004

Weiterführende Links

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  1. Oktober 24, 2014 um 4:15 am
  2. September 28, 2009 um 3:12 am
  3. August 12, 2008 um 10:09 am
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